Gedanken

Brauchen statt wollen

Alexandra Neuhofer

ICH  WILL   B R A U C H E …

Seit Mitte März 2020 befinden wir uns im Lockdown.

Eine akute Krise dauert erfahrungsgemäß 4 – 6 Wochen.

Wir haben jetzt Mitte Mai, wer jetzt noch geistig, seelisch und moralisch festen Halt hat, ist, wie man im Volksmund gerne formuliert, „gut aufgestellt“, die Modebewussten dürfen diesen Zustand als resilient bezeichnen.

Alexandra Neuhofer

Aber was ist mit jenen, die sich trotz oder gerade wegen der acht Wochen spärlicher sozialer Kontakte, weniger oder keiner beruflicher Tätigkeit nicht so recht hinaussehen?

Es bröckelt der Boden unter Ihren Füßen, Sie finden keinen Schutz und Halt mehr!

Sie haben eine Beziehung, einen Arbeitsplatz oder gar einen Menschen verloren, zusätzlich zur belastenden Pandemie-Situation sind Sie tief erschüttert und traurig!

Plötzlich stellen Sie fest, dass Sie mit sich selbst wenig anzufangen wissen, kommen drauf, dass Ihr bisheriges Leben auf Werten basierte, die eigentlich nur auf Äußerlichkeiten ausgerichtet waren, und jetzt gilt das alles nicht mehr, weil Sie das Auto zurückgeben und den Urlaub stornieren müssen? Welche Werte gelten jetzt überhaupt noch?

Und welchen Sinn hat Ihr Leben momentan? Eine Familie wollten Sie gründen, doch der Job ist weg, Sie kommen alleine kaum über die Runden, und der Partner stellt sich nach acht Wochen auf kleinstem Raum nicht als derjenige heraus, mit dem Sie alt werden wollten!

Stellen Sie sich eine Frage, und das mit Bedacht; und gehen Sie weg vom herkömmlichen „Was will ich?“.

Probieren Sie es einmal mit „Was BRAUCHE ich?“!

Sie werden, wenn Sie nach einiger Zeit eine Antwort für sich gefunden haben, feststellen, dass Ihr Ergebnis ein anderes ist als die Antwort darauf, was Sie sich wünschen oder wollen.

Vor einigen Jahren befand ich mich in einer Umbruchphase, so weitermachen ging nicht, ich hatte aber nicht einmal eine Idee zu einem neuen Weg.

Es war Ende Oktober, es regnete leicht, ich schaute durchs Fenster in den regenverhangenen Garten, wo noch das fast ausgelassene Planschbecken mehr lag als stand.

Wahrgenommen habe ich das wunderschöne Resedagrün des algen- und tannennadelangereicherten restlichen Wassers im Becken.

Und so gedankenverloren fiel mir ein, was ich brauchte: Ich hatte das Bild vor mir, wie ich als Kind keine Regenlacke ausgelassen habe und mit Begeisterung darin herumgesprungen bin, es war mir völlig egal, dass ich schmutzig und nass war, allein dieses Gefühl von Freiheit war es, das ich dringend brauchte.

Ich ging in T-Shirt, Shorts und barfuß in den matschigen Garten, stieg in das knöcheltiefe Wasser, zuerst vorsichtig, dann schon mutiger, und zuletzt hüpfte ich wie ein kleines Kind im schlammigen Wasser – und es war wunderbar und befreiend!

Nach diesem Schlammbad – und einer Dusche – hatte ich mich „freigespielt“, mir meine Ressourcen zunutze gemacht und schlussendlich auch einen klaren Kopf, um die weiteren Schritte für mein Leben anzudenken.

Und wieso? – Weil ich darauf GEHÖRT habe, was ich in diesem Moment GEBRAUCHT habe!

Sie werden vielleicht feststellen, dass das, was Sie wirklich brauchen, gar nicht so viel und möglicherweise leichter zu realisieren ist als das Gewollte.

Deshalb wird der Weg dorthin auch ein anderer sein als der „gedachte“, und häufig ist dieser auch weniger steinig.

ACHTEN SIE GUT AUF SICH!

Nicht das Was, sondern das WIE

Mirella Kreder

Oft ist es nicht das WAS sondern das WIE.
Das ist eine Weisheit, die sich für mich in der Vergangenheit immer wieder bewahrheitet hat. Nicht unbedingt die Tatsache, DASS sich etwas verändert ist ausschlaggebend, sondern WIE es sich verändert. Ob man selbst die Veränderung herbeiruft, oder ob man verändert wird.


Positive Veränderungen machen uns froh. Negative Veränderungen, insbesondere von außen, lösen zunächst weniger gute Gefühle aus.
Und was, wenn die Veränderung zu schnell kommt? Wenn im Prozess ganz schön vieles schiefgeht? Zu Bruch geht? Wenn wir uns plötzlich umgewöhnen oder neu erfinden sollen? Wenn es keine klaren Trennelemente mehr gibt – oder zu viele?
Plötzlich ist man Zuhause “eingesperrt”. Gerade für uns, die wir es gewohnt sind unsere Freiheit auszuleben, kann das auf Dauer ein beklemmendes Gefühl sein. Nicht in vollem Umfang so zu können wie wir wollen. Und selbst wenn wir es verstehen, anfühlen tut es sich wie “gegen den Strich streicheln”. Hinzu kommen mögliche Zukunftsängste und Unsicherheiten, vermehrte Konflikte im Haushalt (das gegen den Strich gestreichelte Fell wird dünn), ungewohnte Arbeitsweisen, sinkende Schmerzgrenzen, mangelnder Ausgleich. Und all das ohne Vorwarnung. Autsch.
Die gute Nachricht:
Wir können auch solche Veränderungen als Chance erkennen wenn uns die dafür nötige Zeit gegeben wird (oder wir sie uns nehmen). Wenn das WIE stimmt (oder wir dafür sorgen, dass es stimmt). Kommunikation ist hierbei ein wesentliches Element. In alle Richtungen. Auch nach innen.
Zeit heilt Wunden. Sagt man nicht so? Zeit ist ein Geschenk. Ich zum Beispiel habe diese Phase genutzt um mir selbst bewusster Zeit zu schenken. In allem eine Chance zu sehen und “Auswege” zu finden. Alternativen zu denken. Ich habe die gegebene Veränderung von außen umgewandelt, transformiert, in einen Veränderungsprozess von innen. Verändern können wir nämlich auch Gedanken und unsere Einstellung.

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Intuition als Plan / Corona als Lehre

Mag. Ulrich Wanderer

Vor zehn Wochen wusste ich noch genau, wie das heurige Jahr in etwa laufen würde. Seminare, Urlaub, Beratungen, Marathons, Sommer, etc und am Ende eine große Reise. Ja, es war klar, dass es so laufen sollte.

Mag. Ulrich Wanderer
Mag. Ulrich Wanderer


ich war auf ein tolles Jahr eingestellt und dann kam es ein wenig anders. LockDown und Pressekonferenzen, Ausgangsregelungen und… erzwungene Kreativität. Plötzlich war nicht mehr der planbare Alltag gefragt, sondern die Umstellung auf die Bedürfnisse einer vorübergehenden Phase. Wir alle spüren dieses Gefühl der Unsicherheit, doch bedeutet Unsicherheit auch das erzwungene Loslassen von scheinbaren Sicherheiten. Wer sich nie von seiner Ankerkette löst wird keine neuen Meere erkunden.

Wie der Geselle, der früher auf Wanderschaft ging um seinen Beruf in der Fremde zu erlernen, so haben wir jetzt die Möglichkeit, unser Lebenskonstrukt zu überdenken. Haben wir auf Sand oder Fels gebaut? Was ist unser Fundament? Sind es jene Kurse, die einem Seismografen gleich rauf und viel mehr runter sausen können? Ist es der Job, der zwar viel Prestige und Geld bringt, doch beim ersten Anzeichen einer Krise zu wackeln beginnt, oder sind es Gegenstände? Das Auto oder anderes?

Ist aber unser Fundament die Überzeugung, am richtigen Platz zu sein, fest in sich zu stehen und sich darauf zu verlassen, dass man im Moment die passende Entscheidung trifft und den richtigen Schritt in die richtige Richtung macht. Passt das Schuhwerk, so gehen wir auf jedem Weg mit sicherem Schritt. Lassen wir uns von unseren Möglichkeiten leiten, lassen wir unser Bauchgefühl die Führung übernehmen. Nicht langfristige Planung, sondern viel eher nur intuitive kleine Schritte führen uns derzeit an die nächste Wasserquelle, an die nächste Labestelle des Alltags.

Daher können wir, bei all den Unerfreulichkeiten, die die aktuelle Lage mit sich bringt, auch positive Aspekte erkennen. Wir können viel über uns und vor allem für uns lernen. Wie wir in unbekannten Situationen reagieren, wie wir agieren und ..was wir verbessern können. Und wir können wachsen. Corona geht vorbei, wir werden bleiben. Und auch die Erfahrungen, die wir mit unseren Mitmenschen und vor allem mit uns selber machen werden bleiben.

So gesehen, ist die momentane Ausnahmesituation auch eine Chance für uns und unsere Gesellschaft. Wir könnten lernen uns nicht nur auf unsere Pläne zu verlassen, sondern viel mehr noch auf uns selber. Denn der beste Plan ist immer noch unsere Intuition.

Anregung zur Selbsthilfe

Alexandra Neuhofer

Es gibt Situationen, die wir selbst nicht ändern können.

Alexandra Neuhofer

Da hilft es, die eigene Haltung zu diesem Ereignis mit Bedacht zu wählen.

Denn wir sind frei in der Entscheidung, wie wir mit dieser schwierigen Lage umgehen und der gegenwärtigen Situation  nicht nur ausgeliefert.

Darum gehen Sie gerade heute und in den nächsten Wochen sehr achtsam damit um, wie Sie die gegenwärtige Lage annehmen und mit dieser – und somit auch mit sich selbst – umgehen.

IMMUNSYSTEM

Lachen ist die beste Psychohygiene!

Gerade jetzt sollten wir alles tun, um unser Immunsystem zu stärken. Alle Lebensmittelgeschäfte sind geöffnet, das bedeutet, wir können und sollen vor allem frische Produkte wie Obst und Gemüse zu uns nehmen.

Stress beeinflusst unser Immunsystem erheblich und negativ; 5 Minuten Stress schwächt unser Immunsystem für 7 bis 8 Stunden.

Wir können uns jetzt dadurch stärken, dass wir jede Hetzerei zu noch so unnützen Terminen, unnötigen Zeitdruck und Verabredungen an Orten mit viel zu vielen Menschen einfach einmal auslassen und uns darauf besinnen, dass wir uns damit bewusst etwas Gutes tun.

BACK TO THE ROOTS

Genießen Sie die Ruhe, fühlen Sie sich nicht gestört durch das Vogelgezwitscher, sondern freuen Sie sich über das Frühlingsständchen!

Und wenn es Ihnen unter Einhaltung aller Schutzmaßnahmen möglich ist, halten Sie Ihre Nase in die Sonne, sie stärkt auf ganz natürliche Weise Ihre geistige, körperliche und seelische Gesundheit!

SINNVOLL

Wenn wir die Natur mit offenen Augen wahrnehmen, ruft das Freude in uns hervor. Es erfreut unser Herz, erfüllt unseren ganzen Körper mit vielen positiven Eindrücken; deshalb erleben wir diesen Augenblick als sinnvoll.

Wenn wir mit unseren Händen, geführt durch unseren Geist, etwas gestalten, erleben wir dies als sinnvoll, da wir etwas ganz Persönliches (er)schaffen.

Wann haben Sie zum letzten Mal Mensch-Ärgere-Dich-Nicht oder eine Viertelstunde mit Ihrem Haustier gespielt?

Wann zuletzt sind Sie mit Ihren Kindern zusammengesessen und haben Ostereier bemalt und damit den Osterstrauch geschmückt?

Nützen Sie diese Zeit – entschleunigen Sie sich selbst!

Wie geht es Dir?

Angela Meierschitz

Gewohnheitsmäßig antworten wir oft: „Gut!“ oder „Nicht so gut!“ – Ganz ehrlich wir haben meist keine Ahnung was gerade in uns los ist. Wir sind so mit den Ereignissen im Außen beschäftigt, dass wir uns vergessen!

Frage Dich öfter am Tag „Wie geht es mir?“ und dann schenke Dir drei Atemzüge lang die Aufmerksamkeit um zu erspüren wie es Dir wirklich geht. Was nimmst Du gerade Jetzt wahr? Wir wissen es nicht, wir können es nur fühlen!

Beginn mit einer der folgenden Fragen oder finde Deine eigene:

  • Wie fühlt sich der Kopf an?
  • Sind die Hände warm oder kalt?
  • Wie ist der Kontakt der Füße zum Boden?
  • Wie ist die Atmung?
  • Gibt es eine intensive Empfindung im Körper, z.B. Enge, Schmerz, ein Ziehen?
  • Uvm.

Es ist ein wertvoller Moment! Innehalten und Verbindung zu Deiner inneren Weisheit schaffen! Was ist gut für Dich? Was brauchst Du, um mit den Herausforderungen am Besten umgehen zu können? Dieses Wissen ist in Dir! Durch Körperwahrnehmung kannst Du es für Dich nutzen!

Um mit dieser Übung für den täglichen Gebrauch vertraut zu werden, biete ich Dir gerne ein kostenfreies Online-Treffen (Skype oder WIRE) an. Ich freue mich auf Dich!

Angela Meierschitz

Wenn es draußen still wird, dann werden die inneren Stimmen lauter

Michaela Harrer

 – vielleicht entsteht durch diesen Satz bei Ihnen das innere Bild (und das mitten in diesen strahlenden, warmen Frühlingstagen!) einer tief verschneiten Winterlandschaft in der eine heimelige, einsame und kleine Hütte steht. Ein Ort der Verheißung für einen müden, erschöpften und frierenden Wanderer! Hier kann ich mich ausruhen, mich wärmen, zur Ruhe kommen und mich sammeln – Einsamkeit als Wohltat!

Michaela Harrer
  • vielleicht fühlen Sie aber auch etwas ganz anderes und es könnten nicht so angenehme Bilder in Ihrer Vorstellung entstehen: Ich fühle mich allein und abgeschnitten von der gewohnten Geräuschkulisse. Eingesperrt oder ausgesperrt von Teilen meines Lebens, Ablenkungen und Fremdbestimmungen, die auch Orientierung geben, sind plötzlich nicht mehr da…

Wenn es so still wird, dann kann ich plötzlich meinen eigenen Atem lauter hören – meine inneren Dialoge der Gedanken bewusster führen. Ich kann durch das offene Fenster noch bewusster die wärmenden Sonnenstrahlen, den zarten Duft der blühenden Bäume und Sträucher, das unterschiedliche  Summen von Bienen und Fliegen erkennen und spüren.

Eine extrem ambivalente Situation !

Wir sind im Moment in einer einzigartigen Situation: jeder Mensch dieser Erde ist zur annähernd gleichen Zeit mit der gleichen gesundheitlichen Herausforderung konfrontiert. Das ist eine starke Gemeinsamkeit die jede Einzelne und jeden Einzelnen zur wechselseitigen Solidarität zwingt… ich verhalte mich solidarisch in dem ich mich in soziale Abstinenz begebe.

Also: Einsamkeit in Gemeinsamkeit – klingt wie ein Paradoxon ist aber heute Realität!

Einsamkeit ist ein Zustand, der unserem Bedürfnis nach dem Du, nach der sozialen Interaktion, nach unserer Sehnsucht nach Austausch entgegensteht. Darum versuchen wir oft mit verschiedenen Strategien der Vermeidung, Ablenkung und persönlichen Überforderung im bisherigen normalen Alltag diese Einsamkeit zu unterdrücken. Das ist nur allzu verständlich und bis zu einem gewissen Grad auch durchaus okay.

Was könnte uns in diesen Coronazeiten, in der Zeit der Nähe Vermeidung, der Isolation und der Reduktion unserer zwischenmenschlichen Kontakte helfen?

Was tun wenn Sie sich besonders einsam fühlen?

Ich möchte Ihnen hier ein paar Anregungen und hilfreiche Impulse geben.

  1. Akzeptieren wie es ist!

Es hilft oft sehr, mit sich selber ehrlich zu sein. Was betrifft alle und was betrifft nur mich? Was liegt nicht in meinem Wirkbereich aber was kann ich sehr wohl selbst gestalten?  – Information ist wichtig aber nicht ununterbrochen!

Welche Vorteile bringt mir die Situation auch neben den ungewünschten Dingen? Wofür bin ich dankbar gerade ich dieser Situation? (meine Wohnung, mein warmes weiches Bett, selbstgekochtes frisches Essen, …) Was kann ich gerade jetzt besonders tun? (z.B. Fotos sortieren, Tagebuch schreiben, Puzzeln, Reparieren, wieder einmal Musizieren und Singen…)

  • Netzwerken! Wie schaut denn mein soziales Netz aus? –

 So könnten Sie eine persönliche Beziehungskollage basteln:  sie könnten auf einem großen Bogen Papier mit Klebezetteln sich und alle Personen, die Ihnen einfallen anordnen – wer steht mir besonders nahe? Mit wem habe ich schon länger nichts gesprochen? – wer wohnt in meiner Nähe? Wen möchte ich wieder anrufen, Schreiben, Skypen ect…

Freunde von früher, Freunde von heute, Familienmitglieder ect. – diese Kollage könnten Sie an einem zentralen Ort Ihrer Wohnung aufhängen und immer wieder ergänzen

  • Optimismus! Auch wenn ich es noch nicht genau sehe aber aus meiner Lebenserfahrung weiß ich: es geht immer weiter! Das Vertrauen ins Leben, in Gott, ins Leben pflegen! Mit Humor geht alles leichter! Lachen Sie sich im Spiegel öfter zu, auch wenn es ihnen gerade nicht zum Lachen zumute ist!
  • Selbstwirksamkeit! Ich leiste meinen Teil zur positiven Veränderung der Situation…. In dem ich die psychische Kraft zur Weiterführung meiner Selbstisolation aufbringe und die Verantwortung über mein Leben und mein Handeln übernehme. Es kommt auch auf mich an, wie ich mich verhalte….Ich bin an meinem Platz wichtig für das Ganze und  ICH KANN FÜR MICH GUT SORGEN UND ES MIR ANGENEHM GESTALTEN!

Hier helfen unterstützend Atemübungen, sanfte Gymnastik, Achtsamkeitsübungen und auch Meditation, zum Beispiel.

  • Hilfen und Angebote nützen! Es gibt ein vielfältiges und großes Angebot an Beratung und Gespräch für Sie, wenn es einmal besonders schwer wird. Zögern Sie nicht und nützen Sie das vertrauliche, professionelle und kostenlose Angebot. Sie erreichen uns derzeit per Telefon oder Mail jederzeit!

Geförderte Familienberatungsstellen stehen zur Verfügung wie z. Beispiel:

  • Familienberatungsstelle der St. Elisabeth Stiftung, Arbeitergasse 28, 1050 Wien 01/5455222 Klappe 15 (Familienberatung)01/5455222 Klappe 13 (Rechtsberatung)beratung@edw.or.at
  • Familienberatungsstelle PELE, Gallmeyergasse 16/1,  1190 Wien

info@pele.or.at  Michaela Harrer 0676/5033722

Wartezeit?

Mag. Emmi Ott

„Hör auf zu warten

Auf den Sommer, auf die Liebe deines Lebens, aufs Ende der Coronakrise, …

Glücklich wirst du erst sein, wenn du aufhörst zu warten und

das Beste aus dem Moment machst,

in dem du dich JETZT GERADE befindest.“

Derzeit ertappe ich mich dabei, dass ich mich oft im Wartemodus wiederfinde. Im Gespräch mit anderen Leuten stelle ich fest, ich bin damit nicht allein. Wartemodus bedeutet für mich, ich lebe auf etwas hin und gebe der Gegenwart nicht die Bedeutung, die ihr zukommt.

Jeder stellt sich Fragen wie

  • Wann geht das „normale“ Leben wieder los?
  • Wann kann ich wieder Kinder, Familie, Freunde treffen?
  • Wann beginnt Schule und Kindergarten wieder?
  • Wann kann ich wieder arbeiten?
  • Wann darf ich wieder verreisen?
  • Wie hält die Wirtschaft das aus?

Es gibt tausende solche Fragen, die ganz kleinen persönlichen und die übergeordneten großen Fragestellungen. Sie alle sind derzeit nicht wirklich beantwortbar und lassen unsere Gedanken in die Zukunft abschweifen, oft mit sorgenvollem Beigeschmack. Natürlich tun Perspektiven gut und sind hilfreich. Aber die Beschäftigung mit der Zukunft nimmt oft die Energie für die Gegenwart, wo wir sie so dringend benötigen.

Wir warten und versäumen dabei das Leben, das gerade stattfindet.

Und – auf welche Normalität warte ich eigentlich? Gibt es sie oder entspringt sie der Sehnsucht nach Stabilität und Routine? In einem Gespräch fiel der Satz: „Ich lebe die Realität im Jetzt, ob sie normal ist, ist für mich nicht relevant.“

Zu simpel gedacht oder äußerst weise?

Vom Ende der Selbstgewissheiten?

Vom Ende der Selbstgewissheiten?

Ein Essay zur Situation

Von Jirko Krauß, Leipzig

Am 29.03.2020 fand der erste „SALONline“ des Transformatorenwerks Leipzig statt – zum Thema: „Was ist und jetzt noch möglich? – Philosophische Perspektiven in Zeiten der Corona-Krise“. Der Salon wurde eröffnet mit dem folgenden Impulsvortrag von Jirko Krauß, Philosophischer Praktiker aus Leipzig und Mitglied des Transformatorenwerkes Leipzig

Vorweg: Im Einladungstext wurde ich als „Leipziger Philosoph“ angekündigt – als der ich mich selbst nicht verstehe. Definitiv gehöre ich zumindest nicht zu jenen Welt-erklär-Philosophen, falls das jemand für heute erwartet hat. Ich bin Philosophischer Praktiker und stehe als solcher in der Regel im Dialog. Heute aber ein Text, ausnahmsweise. Und ich muss vorwarnen: Es wird ein paar Minuten dauern. Mir ist aufgefallen: Je mehr ich schreibe, desto länger wird der Text.

Zur Ausgangslage – und hier möchte ich zunächst etwas Persönliches mit Ihnen teilen, was womöglich so etwas wie ein eigener intellektueller Offenbarungseid sein könnte.

Es gehört zum Usus in unserer kleinen Formation des Transformatorenwerks, dass wir unsere Treffen mit einer kleinen Runde darüber beginnen, wo wir aktuell stehen, wie es uns geht, was uns umtreibt.

Wenn ich da gerade so auf mich schaue – und mit gerade meine ich so die letzten drei bis vier Wochen –, dann werde ich momentan nicht so wirklich schlau aus mir. Da ist eine Situation eingetreten, wo gerade so viel passiert mit uns, mit der Welt, und in der auch ich gerade meine ganzen Planungen (auch die mit den Einnahmen) für die nächsten Monate über den Haufen werfen konnte. Aber darauf will ich komischerweise gar nicht hinaus.

Was ich so interessant finde, ist also meine Reaktion auf all das, was da gerade passiert – und darauf konnte ich mir noch keinen richtigen Reim machen. Denn die Reaktion ist die, emotional nicht sonderlich erregt zu sein. Damit meine ich allerdings nicht, dass mich die Bilder aus Italien oder Spanien kalt lassen würden – das Gegenteil ist der Fall. Und kalt lässt mich auch nicht der Teil des aktuellen Regierens, der wie ein feuchter Traum für so manche Ordnungskräfte und Ordnungskräfte-Denker daherkommt. Und wir haben keine Ahnung, was da noch kommen wird und wie das in anderen Ländern aussehen wird. Das ist freilich keine Generalkritik, ich komme da zu einer durchaus differenzierten Einschätzung, die hier aber nicht Thema sein soll. Auch wenn mich das alles bewegt und beschäftigt, bin ich doch irgendwie seltsam gelassen. Seltsam umschreibt es vielleicht ganz gut.

Nun könnte ich dies auf meine jahrelange stoische Einübung zurückführen – ich denke, die spielt hier sicherlich eine Rolle. Aber das ist auch noch nicht das, was mich erstaunt – dazu komme ich nun endlich: Ich verstehe mich selbst – keine Angst, ich höre gleich auf, von mir zu reden – ich verstehe mich also selbst als einen Vertreter einer engagierten Philosophie, die nicht nur irgendwie unbeteiligter Beobachter und Interpret der Welt sein, sondern die sich eben engagieren möchte, die sich an der Arbeit an besseren Verhältnissen auf ihre Weise beteiligt.

Doch was mache ich da gerade? Nun, ich beobachte viel, intensiv, genau – und ich bin, ehrlich gesagt, kaum überrascht über das, was sich da alles zeigt, sich offenbart. Und das ist der Punkt. Das ist nun „bei uns“ nicht unbedingt ein Gütekriterium. Von etwas irritiert zu werden, von etwas gestört zu werden, das ist ja, ähnlich wie beim Staunen und Zweifeln, schon immer ein Beweggrund hin zum Philosophieren gewesen. Warum tue ich momentan nichts anderes als beobachten? Warum irritiert mich das nicht? Was ist los, was stimmt nicht mit mir?

Aber sie erraten vielleicht, was da gerade meine Rettung ist: verstört zu werden von seiner eigenen Unverstörtheit im Angesicht des Verstörungswürdigen. Und dann frage ich mich weiter, warum eigentlich so viele andere so verstört sind (verstört ist hier vielleicht ein zu hartes Wort, aber ich möchte es verwenden, um ein wenig zuzuspitzen).

Auf eine Fährte der Aufklärung über mich selbst scheine ich gestoßen zu sein: Ich glaube – und hier höre ich jetzt wirklich auf mit mir – was mich hier zugleich verstört und nicht verstört, das ist der Punkt, dass ich selbst die Sache mit Corona nicht wirklich anders verstörungswürdig als andere Sachverhalte in der Welt sehe – ja vielleicht gar nicht anders sehen kann.

Psychologisch lässt sich das ja recht simpel deuten: So ziemlich alle sind gerade echt betroffen davon. Betroffen von etwas hat bekanntlich mehrere Bedeutungen – ich verwende es in einem sehr weiten Verständnis. Betroffen heißt in dieser Situation nicht nur eine emotionale Betroffenheit. Betroffen sind wir von diversen Maßnahmen. Betroffen sind wir durch den Einbruch unserer Einnahmen. Betroffen sind wir aber auch, das ist der springende Punkt, vom Bruch alltäglicher Routinen – jener Routinen nämlich, die uns sonst so von der Betroffenheit von eben jenen anderen Sachverhalten abhalten, die uns eigentlich betroffen machen könnten, sollten – nicht nur im emotionalen Verständnis. Unsere alltäglichen Routinen sind der Schutzwall gegen das wirkliche Wahrnehmen dieser anderen Sachverhalte, weil sie unser eigenes Wahrnehmungsvermögen dementsprechend selektiv einstellen. Gerade passiert ja das Umgekehrte, die scharfstellende Fokussierung wie durch ein Brennglas auf einen einzigen Sachverhalt, eben jenen von Corona. Und unsere alltäglichen Routinen schützen uns diesmal nicht: Wir können nicht wegschauen, weil unsere Routinen gebrochen sind und wir gerade kaum anderes vorfinden.

Hier in dieser Online-Salon-Runde sind einige Selbständige und Freiberufler anwesend. Was passiert gerade? Manche sind in eine Schockstarre geraten, manche haben sich aus dieser schon wieder befreit und sind aktiv geworden. Was passiert da mit uns? Seien wir ehrlich mit uns selbst: Wir beginnen, uns schon wieder neu einzustellen, uns Gedanken darüber zu machen, wie wir wieder an Aufträge kommen, wie es jetzt, vor allem aber „danach“ weitergeht. Und mit diesem „Weitergehen“ meine ich, so weiterzumachen wie bisher. Na klar!

Das ist ein Aspekt, den ich nicht kritisieren kann und will, zumindest nicht in Gänze. Wer bin ich denn? Machen wir aber tatsächlich gerade so weiter? Ja, natürlich, denn wir sind genötigt dazu. Wir müssen ja. Viel zu stark sind unsere Verpflichtungen, unsere Verstrickungen. Aber warum eigentlich nicht die Zeit nutzen, uns ein wenig mit unseren Verstrickungen zu beschäftigen? Wie viele von uns nutzen denn gerade wirklich die Zeit, um gründlich zu überlegen, tiefer zu denken, die theoretische Chance tatsächlich zu nutzen?

Es könnte für zynisch oder auch für unredlich gehalten werden, angesichts der Bilder aus Italien oder Spanien, und es werden Bilder aus anderen Ländern folgen, über ganz andere Dinge zu sprechen. Nein, ich möchte nicht zynisch sein – und bin es m.E. auch nicht. Klar, ich kann mich da täuschen – aber ich täusche mich dann zumindest in redlicher Weise. Es geht eben nicht darum, Corona herunterzuspielen. Da sterben täglich eine ganze Menge Menschen, noch viel mehr quälen sich auf Intensivstationen, ringen um Atem, in Gängen, auf Matratzen, in Altenheimen, an unbekannten Orten. Und, wie wir wissen, sind vor allem die Älteren und Vorbelasteten gefährdet.

Vergleiche und Relativierungen werden angestellt, mit anderen Krankheiten etwa, an denen auch gestorben wurde und wird. Diese können missbraucht werden und in die Irre führen – das wissen wir nur zu gut. Sie, ich sprechen von den Vergleichen, sind m. E. aber notwendig – in einem aufklärenden Sinne. Wir brauchen das auf eine gewisse Art und Weise, um Sachverhalte besser einordnen zu können, um uns überhaupt kritisch damit auseinandersetzen zu können. Es kommt, wie bei Vielem, eben darauf an, in welchem Sinne, mit welchen Intentionen Dinge gemacht werden. Wir müssen das intellektuell aushalten. Wir müssen in dieser Zeit noch viel mehr moralisch Ambigues aushalten. Ambivalenzsensibles Denken wäre eigentlich gefragt. Eine kritische wissenschaftliche Auseinandersetzung, die auf öffentlicher Bühne geführt und verständlich vermittelt wird, tut not.

Ich beneide die, die jetzt alles ganz klar wissen.

Nein, ich beneide sie, ganz ehrlich gesagt, nicht wirklich.

Um es kurz und klar zu sagen: Meine Kritik, in die ich hier beim Schreiben irgendwie hineingeraten bin, zielt an dieser Stelle nicht gegen das, was momentan im Zusammenhang mit Corona getan wird. Das ist eine eigene Sache, die heute hier vielleicht nicht das Thema sein braucht, auch wenn es gerade aktuell ist. Aktuell ist aber eben auch das, wovon viel gesprochen wird, nämlich von der sogenannten Chance. Über die würden wir heute gerne mit Ihnen sprechen.

Die aufmerksamen, noch nicht eingeschlafenen Zuhörer werden bemerkt haben: Redet er doch immer noch von sich! Genauer: Er ist zu einem „Wir“ übergegangen. Das ist nicht ganz unproblematisch. Ich reagiere als Leser selbst oft etwas allergisch auf Texte, in denen vom „Wir“ gesprochen wird und ich mich überhaupt nicht angesprochen fühle, weil ich Gegenteiliges denke und tue. Denn wer soll dieses „Wir“ sein? Viel zu undifferenziert, kann ich da als Semi-Soziologie nur sagen. Verzeihen Sie mir also, wenn Sie sich nicht angesprochen fühlen. Doch zurück zum Text.

In welcher Situation befinden wir uns da gerade? Ich möchte das nicht analytisch ausführen. Ein paar Dinge ließen sich sagen, aber vieles wissen wir nicht – vor allem das, was da insgesamt noch kommen mag. Es gehört untrennbar zum Menschsein dazu, dass wir grundsätzlich ab und an, mal mehr, mal weniger, immer wieder in solche Situationen geraten, in denen offenbar wird, dass wir im Grunde recht wenig wissen und Sachverhalte sich als ambivalent darstellen. Meist wird uns das erst gewahr, wenn jene neue Situation eingetreten ist – so wie jetzt. Wir können nicht in die Zukunft schauen.

Einige glauben das zu können: Vorgestern habe ich, manche von Ihnen vielleicht auch – ein Video auf Youtube gesehen, in dem der aufgrund eines kurzen Textes im Internet gerade rasant bekannt gewordene Zukunftsforscher Matthias Horx über die Zeit nach Corona plaudert. Ich war da weniger von den inhaltlichen Ausführungen allein erstaunt als vielmehr von der völligen Selbstgewissheit dieses Mannes. Er ist nämlich, im Gegensatz zu meinem Zweifel, felsenfest davon überzeugt, dass es schon ganz klar ausgemacht sei, dass diese Situation, ich spreche von Corona, zum radikalen Umdenken führen wird. Ich habe da aus verschiedenen Gründen, wie gesagt, starke Zweifel. Könnte nicht gerade auch das Gegenteil der Fall sein?

Ich habe gerade gesagt: Es ist eine Situation eingetreten, die ich dann zumindest angedeutet habe: Nennen wir sie: die Corona-Situation. Als Menschen stehen wir immer in Situation – und nun möchte ich, damit ich hier überhaupt einmal etwas Kluges sagen kann, kurz an den Arzt, Psychopathologen und großen Existenzphilosophen Karl Jaspers erinnern. Dieser unterscheidet die einzelnen, aufeinanderfolgenden Situationen in der Welt, in denen wir stehen, von den sogenannten Grenzsituationen. Ich zitiere Jaspers:

„Vergewissern wir uns unserer menschlichen Lage. Wir sind immer in Situationen. Die Situationen wandeln sich, Gelegenheiten treten auf. Wenn sie versäumt werden, kehren sie nicht wieder. Ich kann selber an der Veränderung der Situation arbeiten. Aber es gibt Situationen, die in ihrem Wesen bleiben, auch wenn ihre augenblickliche Erscheinung anders wird und ihre überwältigende Macht sich in Schleier hüllt: ich muß sterben, ich muß leiden, ich muß kämpfen, ich bin dem Zufall unterworfen, ich verstricke mich unausweichlich in Schuld. Diese Grundsituationen unseres Daseins nennen wir Grenzsituationen. Das heißt, es sind Situationen, über die wir nicht hinaus können, die wir nicht ändern können. Das Bewußtwerden dieser Grenzsituationen ist nach dem Staunen und dem Zweifel der tiefere Ursprung der Philosophie.“ (Jaspers, Einführung in die Philosophie. Zwölf Radiovorträge, Zürich 1950, 20f.)

Diesen Grenzsituationen können wir also nicht wirklich ausweichen, vorübergehend vielleicht, aber nicht wirklich entgehen. Wir können sie nur verschleiern, sie verdrängen. Ich habe vorhin von unseren täglichen Routinen gesprochen, die uns hier als Schutzwall „dienen“ – oder eben als Mittel des Ausweichens.

An dieser Stelle kurz zur Einordnung: Obwohl wir die Corona-Situation in der Sprache das Alltags durchaus als eine Grenzsituation betrachten können, ist sie im Jaspers’schen Sinne keine, sondern eine Situation in der Welt, in der die Chance zur Auseinandersetzung mit unseren Grundsituationen in besonderer Weise offenbar und möglich wird – anders als im sogenannten Alltag. Gerade jetzt könnte sie ergriffen werden. Wollen wir aber nur so schnell wie möglich wieder zurück ins Dasein vor Corona, versuchen wir den Weg des Ausweichens. Dann versäumen wir die gute Chance, wir lassen sie verstreichen.

Die andere Weise des Umgangs mit Grenzsituationen, der andere Weg, besteht hingegen in der Auseinandersetzung mit uns selbst – Jaspers (Philosophie II, 204, 207) nennt das „das Werden der in uns möglichen Existenz“. Durch die Auseinandersetzung mit Grenzsituationen kann ich mein Dasein meiner Existenz annähern – und zwar in drei Sprüngen, die ich hier zumindest kurz andeuten möchte:

Im ersten Sprung trete ich neben mich, betrachte mich aus der Distanz, ich trete, wie Jaspers (ebd., 204) das ausdrückt, „meinem eigenen Dasein wie einem fremden gegenüber“. Ich unterscheide die aktuelle Situation in der Welt, in der ich mich befinde, mit all ihren partikularen Zwecken, von der Grenzsituation. Das Wissen eröffnet mir überhaupt erst die Grenzsituation, die sich mir im zweiten Sprung als Möglichkeiten auftun, Möglichkeiten meiner Existenz. Jaspers spricht hier von der „Existenzerhellung als philosophierendes Denken“. Diese erhellende Betrachtung bringt mich zunächst in eine etwas paradoxe situationslose Situation – es handelt sich eben „nur“ um Möglichkeit. Nun erst erkenne ich die angesprochene Unausweichlichkeit wirklich und kann die Möglichkeiten wieder in Bezug auf mein Dasein setzen. Doch erst der dritte Sprung führt in die existentielle Verwirklichung, denn ich bin noch nicht, was ich philosophierend weiß. Dazu braucht es den umsetzenden Vollzug. Das zu den drei Sprüngen: „Der erste führt zum Philosophieren in Weltbildern, der zweite zum Philosophieren als Existenzerhellung, der dritte zum philosophischen Leben als Existenz.“ (ebd., 207)

Ich hoffe, Sie können mir noch folgen. Jaspers ist begrifflich nicht einfach, auch voraussetzungsreich im Hinblick auf ein Verständnis und sollte m.E. eher gelesen und im Dialog besprochen werden.

Was sind nun Beispiele von Grenzsituationen? Dazu gehören etwa Tod, Leiden, Kampf oder unsere Verstrickungen in Schuld. Auf letztere wollte ich am Schluss eigentlich noch eingehen, weil sie, so hoffte ich, das verdeutlicht, was ich hier insgesamt zum Ausdruck bringen wollte – auch in Bezug auf unsere aktuelle Situation: Corona, Chance. Ich hätte dabei gesagt, dass es hier um Handeln und Nicht-Handeln geht, dass wir uns durch die Auswahl einer Möglichkeit unausweichlich schuldig an den anderen, vielleicht besseren Möglichkeiten machen – immer auch in Bezug auf andere Menschen. Das werde ich nicht mehr tun. Aber ich verweise zumindest noch, eben mit Bezug auf die aktuelle Situation als Chance, auf die Gefahr des Selbstbetrugs – nämlich jenen, der darin besteht, wenn wir unsere Entschlüsse als vorläufige und reversible betrachten. So lassen wir auch diese Chance verstreichen.

Das reicht vielleicht an dieser Stelle, denn ich bin ja mit meinen Gedanken gar nicht dem Bedürfnis nachgekommen, für dessen Befriedigung ich hier eigentlich angefragt worden war. Das Bedürfnis nach Antwort auf die Frage: Was ist uns jetzt noch möglich? Aber als Philosophischer Praktiker bin ich auch nicht für das Bedienen von Bedürfnissen zuständig, viel eher für deren Entwicklung, Differenzierung und Amplifizierung. Die ursprüngliche Frage war: Welche Chancen bietet die Corona-Krise? Nun, sie bietet die Chance zum Innehalten – das ist sicher keine große Weisheit.

Alle, die zwar davon reden, aber sich jetzt schon wieder wie Getriebene mit aller Energie ihren zukünftigen Aufgaben, Aufträgen und Geschäften widmen– nicht, dass dies in einem gewissen Maße nicht vernünftig wäre –, all die, die nach Corona wieder nahtlos an das Vor-Corona anknüpfen wollen, an ihr faktisches Dasein also, die könnten sich vielleicht fragen, ob sie genau in einer solchen Welt leben möchten – eine Welt also, in der man selbst in für Chancen guten Zeiten eben jene verstreichen lässt, weil man gar kein Gespür dafür entwickelt hat, weil man, vielleicht aus Angst, eben fieberhaft an seinen Verstrickungen festhalten möchte. Wer jetzt bloß Regierungen – dies wohl teils zu Recht – genau deswegen kritisiert, echte Chancen nicht zu nutzen, z.B. für ein wirklich solidarisches weltweites Zusammenwirken, der sollte auch auf sich selbst schauen. Es gäbe ja jetzt die Gelegenheit, die Chance, sich mit seinen Gefühlen und seinen Verstrickungen, seiner Lebenssituation und seiner Lebensweise, doch eben nicht nur mit seinem faktischen Dasein, sondern auch mit seiner möglichen Existenz auseinanderzusetzen. Tut man das, bleibt dies kein Kreisen um das eigene Ego, denn soziale und gesellschaftliche Notwendigkeiten kommen zwangsweise in den Blick, weil sie maßgeblich unsere Lebensbedingungen generieren und limitieren. Es wird uns gelingen, über derartiges Reflektieren über das individuelle Ich hinauszuwachsen und uns zu einer universellen und transzendenten Sicht aufzuschwingen. Mit dieser These bin ich am Ende meiner Ausführungen.

Die Frage Was ist uns jetzt noch möglich? im Zusammenhang mit Corona zu stellen, das könnte im Grunde auch bedeuten, sich wieder aufs bloße Dasein zu konzentrieren. Ich würde mir hingegen wünschen, dass wir hier, an dieser Stelle und ganz allgemein, tiefer denken und ins Philosophieren kommen.

Ich bedanke mich für Ihre Aufmerksamkeit.

Was das Leben gibt

Mag. Ulrich Wanderer

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Das Leben schenkt und Baumaterial und Vitamine, wir glauben, es legt und Steine und Äste in den Weg und schenkt uns bittere Zitronen.

Leben, Natur, Gott, Sinn.. ich glaube sehr wohl, dass diese Begriffe mehr sind, als schlichte Worte. Ich glaube aber auch daran, dass es an uns liegt darauf zu schauen, dass wir die empfangenen Gaben, seien es nun Vitamine oder Steine, bestmöglich nutzen. Es geht nicht um GUT oder BÖSE. Sondern um´s Anpacken und Tun!