Stressbewältigung über den Körper

Angela Meierschitz

Stress ist eine körperliche Reaktion. Unser Gehirn nimmt beängstigende Reize wahr und die Aktivierung unserer körperlichen Kräfte wird vom autonomen Nervensystem blitzschnell gestartet. Ein genialer Vorgang – für kurze Zeit – um zu überleben!

Begeben wir uns auf eine Zeitreise:

Wir gehen viele tausend Jahre vor unserer Zeitrechnung zurück. Menschen leben in kleinen Gruppen zusammen und die Ausrichtung ihres gesamten Tuns gilt einzig und allein dem Überleben. Jetzt stellen Sie sich vor Sie leben in dieser Zeit. Sie sind gerade unterwegs um zu jagen oder etwas Essbares zu sammeln oder um von einer Quelle Wasser zu holen.

Angela Meierschitz

Plötzlich hören Sie ein Geräusch. Etwas raschelt in ihrer nächsten Umgebung. Dieses Geräusch bewirkt, dass sich ihre Sinne bis aufs Äußerste anspannen. Sie spüren die Gefahr, nehmen Gerüche verstärkt war, hören jetzt auch ein Schnaufen, spüren ein Prickeln im Nacken.

Ausgelöst von diesen Sinnes-Wahrnehmungen startet unser autonomes Nervensystem das Überlebensprogramm:

  • Das Herz schlägt schneller und stärker. Der Blutdruck steigt und die Blutgefäße verengen sich. Dadurch werden die Muskeln besser durchblutet und spannen sich stärker an. Unsere Muskelkraft wird erhöht.
  • Die Verdauung und das Immunsystem werden heruntergefahren. Angesichts der Ungewissheit, ob wir die nächste Minute überhaupt überleben, ist es ziemlich egal ob unsere Verdauung und unsere Abwehrkräfte gut funktionieren.
  • Cortisol wird rasch ins Blut ausgeschüttet und wirkt entzündungshemmend, um uns zu schützen falls wir Verletzungen erleiden.
  • Adrenalin macht uns wach und schnell. Es setzt die Energiereserven frei und bereitet uns auf Kampf oder Flucht vor.
  • Die Bronchien weiten sich, um mehr Sauerstoff aufzunehmen. Dadurch wir die Atmung schnell und flach.
  • Wir sind völlig fokussiert. Die Leistungsfähigkeit unseres Gehirns erhöht sich. Keine Gedanken darüber was uns gestern vielleicht gestört hat oder was wir heute Abend tun wollen.
  • Innerhalb von wenigen Augenblicken hat der Organismus unsere Kräfte maximiert.
  • Wir sind bereit um unser Leben zu kämpfen, so schnell wie möglich zu fliehen, uns zu verstecken, auf Bäume zu klettern, uns zu tarnen, …

Die Gefahr ist vorüber. Aufgrund der vollen Aktivierung der körperlichen Kräfte haben Sie es geschafft, Sie haben überlebt und sind wieder in Sicherheit! Die Körperfunktionen stellen auf „Regeneration“ um. Unser Herzschlag verlangsamt sich, der Blutdruck sinkt, die Cortisol- und Adrenalin Produktion normalisiert sich. Unsere Muskeln beginnen sich zu entspannen. Vielleicht zittern die Knie nach der überstandenen Anstrengung oder wir sind müde und rasten uns kurz aus. Wir seufzen einige Male und atmen lange und tief aus.

So wie damals reagiert unser Körper auch heute auf beängstigende, herausfordernde, verwirrende, unsichere Ereignisse. Vollautomatisch und ohne unser bewusstes Zutun, werden die Körperfunktionen maximiert.

Heute gibt es zwar keine wilden Tiere im Gebüsch, die uns überfallen und fressen wollen, trotzdem befinden sich viele Menschen im Dauerstress, denn es „raschelt“ scheinbar ständig um uns herum. Im Beruf, in der Freizeit, mit Freunden und in der Familie.

  • Viele Termine, die nur mit Druck einzuhalten sind.
  • Eine endlose To-Do-Liste, die trotz Müdigkeit abgearbeitet werden soll.
  • Erwartungen und Vorstellungen erfüllen zu müssen, obwohl wir lieber eine Pause machen würden.
  • Besser – schneller – mehr … ist das Motto um bestehen zu können.
  • Unsicherheit und Krisen halten uns in Alarmbereitschaft.
  • Uvm.

Dauerstress bedeutet, dass die Erholungsphasen fehlen. Unser Körper kann sich zwischen den herausfordernden Situationen nicht mehr ausreichend regenerieren und wir bleiben in der Aktivierung stecken. Die Folgen sind deutlich spürbar:

  • schmerzhaften Verspannungen in Nacken/Rücken und Schultern,
  • Verdauungs- und Schlafprobleme,
  • Angstzustände, endlose Gedankenschleifen, Unruhe, Nervosität,
  • verspannungsbedingte Kopfschmerzen,
  • allgemeines Unwohlsein,
  • Unfähigkeit Entscheidungen zu treffen,
  • Erschöpfung, Isolation, Kraft- und Energielosigkeit, Reizbarkeit, Unzufriedenheit, uvm.

Körperwahrnehmung ist der Schlüssel, der dem Nervensystem ermöglicht auf „Regeneration“ umzuschalten. Indem wir die Aufmerksamkeit nach innen richten und erkennen, dass die „beängstigende und anstrengende“ Situation vorüber ist.

Kleine Übung für zwischendurch, beim Warten auf die U-Bahn, in Besprechungen, beim Kochen, Zusammenräumen, Lesen, vor dem Einschlafen, …:

  • Richten Sie für 3 Atemzüge Ihre Aufmerksamkeit auf den Atem.
  • Wo spüren Sie die Atembewegung im Körper?
  • Hebt sich die Brust, der Bauch? Was passiert im Hals?
  • Wie spürt sich das Ausatmen an? Ist kurz, lang, tief, …?
  • Seien Sie neugierig und geben sie nichts vor! Es gibt kein Falsch und Richtig! Sie nehmen gerade Ihren momentanen Atem wahr und der ist wie er ist.
  • Damit schaffen Sie Mini-Regenerationsphasen.
  • Wie fühlen Sie sich jetzt?