Ist EINFACH einfach?

Von Sylvia F. Rodatz
Den Haag, 28.03.2021
Vor einigen Tagen las ich einen Beitrag einer lieben Kollegin zum Thema der Wahrnehmung
des Wortes „einfach“ und welche Konnotationen dieses in uns hervorruft, zumal man dieses
in letzter Zeit recht oft auf den Social-Media-Plattformen findet.
Was für ein interessantes und wunderliches Wort „einfach“. EIN-fach – klingt irgendwie
unkompliziert, ja… einfach einfach.
„Lass uns mal einfach ins Theater gehen…“, „einfach etwas beim Italiener bestellen…“
„einfach tun…“ und nicht lange darüber nachdenken, ganz einfach und leicht, ohne Mühe
und vielleicht wortwörtlich als „Ver-Einfachung“, da eventuell einfach statt kompliziert bzw.
komplex.

Sylvia F. Rodatz


Gleichzeitig impliziert dieses „es sich einfach machen“ die Existenz des Gegenpols, des „es sich schwer machen“. Somit schafft diese Implikation eine Unterschiedsbildung, die uns erst
in die Lage versetzt, uns dessen bewusst zu werden, dass das, was die anderen möglicherweise als einfach empfinden, für uns selbst schwer sein könnte.
Zum Beispiel „einfach mal die Seele baumeln lassen…“, fühlt sich leicht und wohltuend an.
Gerade jetzt in Zeiten der Pandemie, in der die Home-Office-Arbeit 24/7 greifbar ist, ist dieses eben genannte „einfach“ zielführend, da vielleicht ohne Weiteres umsetzbar und
auch im Bereich der Selbstfürsorge.
Gleichzeitig in dem Beitrag der Kollegin, in dem sie die allgegenwärtigen Social-Media-Beiträge exemplarisch benennt, wie:
einfach loslassen
einfach sagen, was das Problem ist
einfach aufhören, zu rauchen
einfach abnehmen
einfach sich gesund ernähren
einfach mehr lachen
einfach sich persönlich entwickeln
einfach Konflikte vermeiden
einfach besser kommunizieren
einfach das richtige Mindset haben
einfach den Stress reduzieren
einfach die richtigen Prioritäten setzen… usw…
… fühlt sich durch die implizierte Erwartung, das Richtige zu tun, und durch die Masse dieser
Appelle (hier nicht EIN-fach, sondern MEHR-fach bzw. VIEL-fach) erdrückend und man ringt
nach Luft zum Atmen…
Den durchaus inspirierenden Beitrag der Kollegin lesend und der Frage der dabei
entstehenden Konnotationen folgend, dachte ich… dass, wie sonst auch im Leben, alles
KONTEXT-abhängig ist. Kontext-abhängig im Sinne der BETRACHTUNG und der BEACHTUNG
unseres SYSTEMS, in dem wir leben. Denn wir leben in Systemen und in diesen Systemen
gibt es – wie in einem sehr komplexen, sich unentwegt bewegenden, Mobile – so viele
beeinflussende und somit sich auswirkende Faktoren. Um diese Komplexität des Systems zu
reduzieren, sind wir es gewohnt, zu filtern und uns auf das Wesentliche zu fokussieren,
wären wir sonst durch die Impuls-Überflutung doch grenzenlos überfordert.
Das heißt gleichzeitig, dass diese Kontext-Betrachtung und -Beachtung ebenso eine Sache
der richtigen Dosierung ist. Und wenn wir uns in diesem Sinne in unserem Denken, Planen,
Handeln z.B. nach der Philosophie der kleinen Schritte richten, akzeptierend, dass die
Geschwindigkeit nicht wichtig ist, denn vorwärts ist vorwärts, dann … wird es vielleicht
„einfach“, ja zumindest wird es „einfacher“.
Bleiben Sie gesund.
Herzlichst,
Ihre Sylvia F. Rodatz