Vom Ende der Selbstgewissheiten?

Vom Ende der Selbstgewissheiten?

Ein Essay zur Situation

Von Jirko Krauß, Leipzig

Am 29.03.2020 fand der erste „SALONline“ des Transformatorenwerks Leipzig statt – zum Thema: „Was ist und jetzt noch möglich? – Philosophische Perspektiven in Zeiten der Corona-Krise“. Der Salon wurde eröffnet mit dem folgenden Impulsvortrag von Jirko Krauß, Philosophischer Praktiker aus Leipzig und Mitglied des Transformatorenwerkes Leipzig

Vorweg: Im Einladungstext wurde ich als „Leipziger Philosoph“ angekündigt – als der ich mich selbst nicht verstehe. Definitiv gehöre ich zumindest nicht zu jenen Welt-erklär-Philosophen, falls das jemand für heute erwartet hat. Ich bin Philosophischer Praktiker und stehe als solcher in der Regel im Dialog. Heute aber ein Text, ausnahmsweise. Und ich muss vorwarnen: Es wird ein paar Minuten dauern. Mir ist aufgefallen: Je mehr ich schreibe, desto länger wird der Text.

Zur Ausgangslage – und hier möchte ich zunächst etwas Persönliches mit Ihnen teilen, was womöglich so etwas wie ein eigener intellektueller Offenbarungseid sein könnte.

Es gehört zum Usus in unserer kleinen Formation des Transformatorenwerks, dass wir unsere Treffen mit einer kleinen Runde darüber beginnen, wo wir aktuell stehen, wie es uns geht, was uns umtreibt.

Wenn ich da gerade so auf mich schaue – und mit gerade meine ich so die letzten drei bis vier Wochen –, dann werde ich momentan nicht so wirklich schlau aus mir. Da ist eine Situation eingetreten, wo gerade so viel passiert mit uns, mit der Welt, und in der auch ich gerade meine ganzen Planungen (auch die mit den Einnahmen) für die nächsten Monate über den Haufen werfen konnte. Aber darauf will ich komischerweise gar nicht hinaus.

Was ich so interessant finde, ist also meine Reaktion auf all das, was da gerade passiert – und darauf konnte ich mir noch keinen richtigen Reim machen. Denn die Reaktion ist die, emotional nicht sonderlich erregt zu sein. Damit meine ich allerdings nicht, dass mich die Bilder aus Italien oder Spanien kalt lassen würden – das Gegenteil ist der Fall. Und kalt lässt mich auch nicht der Teil des aktuellen Regierens, der wie ein feuchter Traum für so manche Ordnungskräfte und Ordnungskräfte-Denker daherkommt. Und wir haben keine Ahnung, was da noch kommen wird und wie das in anderen Ländern aussehen wird. Das ist freilich keine Generalkritik, ich komme da zu einer durchaus differenzierten Einschätzung, die hier aber nicht Thema sein soll. Auch wenn mich das alles bewegt und beschäftigt, bin ich doch irgendwie seltsam gelassen. Seltsam umschreibt es vielleicht ganz gut.

Nun könnte ich dies auf meine jahrelange stoische Einübung zurückführen – ich denke, die spielt hier sicherlich eine Rolle. Aber das ist auch noch nicht das, was mich erstaunt – dazu komme ich nun endlich: Ich verstehe mich selbst – keine Angst, ich höre gleich auf, von mir zu reden – ich verstehe mich also selbst als einen Vertreter einer engagierten Philosophie, die nicht nur irgendwie unbeteiligter Beobachter und Interpret der Welt sein, sondern die sich eben engagieren möchte, die sich an der Arbeit an besseren Verhältnissen auf ihre Weise beteiligt.

Doch was mache ich da gerade? Nun, ich beobachte viel, intensiv, genau – und ich bin, ehrlich gesagt, kaum überrascht über das, was sich da alles zeigt, sich offenbart. Und das ist der Punkt. Das ist nun „bei uns“ nicht unbedingt ein Gütekriterium. Von etwas irritiert zu werden, von etwas gestört zu werden, das ist ja, ähnlich wie beim Staunen und Zweifeln, schon immer ein Beweggrund hin zum Philosophieren gewesen. Warum tue ich momentan nichts anderes als beobachten? Warum irritiert mich das nicht? Was ist los, was stimmt nicht mit mir?

Aber sie erraten vielleicht, was da gerade meine Rettung ist: verstört zu werden von seiner eigenen Unverstörtheit im Angesicht des Verstörungswürdigen. Und dann frage ich mich weiter, warum eigentlich so viele andere so verstört sind (verstört ist hier vielleicht ein zu hartes Wort, aber ich möchte es verwenden, um ein wenig zuzuspitzen).

Auf eine Fährte der Aufklärung über mich selbst scheine ich gestoßen zu sein: Ich glaube – und hier höre ich jetzt wirklich auf mit mir – was mich hier zugleich verstört und nicht verstört, das ist der Punkt, dass ich selbst die Sache mit Corona nicht wirklich anders verstörungswürdig als andere Sachverhalte in der Welt sehe – ja vielleicht gar nicht anders sehen kann.

Psychologisch lässt sich das ja recht simpel deuten: So ziemlich alle sind gerade echt betroffen davon. Betroffen von etwas hat bekanntlich mehrere Bedeutungen – ich verwende es in einem sehr weiten Verständnis. Betroffen heißt in dieser Situation nicht nur eine emotionale Betroffenheit. Betroffen sind wir von diversen Maßnahmen. Betroffen sind wir durch den Einbruch unserer Einnahmen. Betroffen sind wir aber auch, das ist der springende Punkt, vom Bruch alltäglicher Routinen – jener Routinen nämlich, die uns sonst so von der Betroffenheit von eben jenen anderen Sachverhalten abhalten, die uns eigentlich betroffen machen könnten, sollten – nicht nur im emotionalen Verständnis. Unsere alltäglichen Routinen sind der Schutzwall gegen das wirkliche Wahrnehmen dieser anderen Sachverhalte, weil sie unser eigenes Wahrnehmungsvermögen dementsprechend selektiv einstellen. Gerade passiert ja das Umgekehrte, die scharfstellende Fokussierung wie durch ein Brennglas auf einen einzigen Sachverhalt, eben jenen von Corona. Und unsere alltäglichen Routinen schützen uns diesmal nicht: Wir können nicht wegschauen, weil unsere Routinen gebrochen sind und wir gerade kaum anderes vorfinden.

Hier in dieser Online-Salon-Runde sind einige Selbständige und Freiberufler anwesend. Was passiert gerade? Manche sind in eine Schockstarre geraten, manche haben sich aus dieser schon wieder befreit und sind aktiv geworden. Was passiert da mit uns? Seien wir ehrlich mit uns selbst: Wir beginnen, uns schon wieder neu einzustellen, uns Gedanken darüber zu machen, wie wir wieder an Aufträge kommen, wie es jetzt, vor allem aber „danach“ weitergeht. Und mit diesem „Weitergehen“ meine ich, so weiterzumachen wie bisher. Na klar!

Das ist ein Aspekt, den ich nicht kritisieren kann und will, zumindest nicht in Gänze. Wer bin ich denn? Machen wir aber tatsächlich gerade so weiter? Ja, natürlich, denn wir sind genötigt dazu. Wir müssen ja. Viel zu stark sind unsere Verpflichtungen, unsere Verstrickungen. Aber warum eigentlich nicht die Zeit nutzen, uns ein wenig mit unseren Verstrickungen zu beschäftigen? Wie viele von uns nutzen denn gerade wirklich die Zeit, um gründlich zu überlegen, tiefer zu denken, die theoretische Chance tatsächlich zu nutzen?

Es könnte für zynisch oder auch für unredlich gehalten werden, angesichts der Bilder aus Italien oder Spanien, und es werden Bilder aus anderen Ländern folgen, über ganz andere Dinge zu sprechen. Nein, ich möchte nicht zynisch sein – und bin es m.E. auch nicht. Klar, ich kann mich da täuschen – aber ich täusche mich dann zumindest in redlicher Weise. Es geht eben nicht darum, Corona herunterzuspielen. Da sterben täglich eine ganze Menge Menschen, noch viel mehr quälen sich auf Intensivstationen, ringen um Atem, in Gängen, auf Matratzen, in Altenheimen, an unbekannten Orten. Und, wie wir wissen, sind vor allem die Älteren und Vorbelasteten gefährdet.

Vergleiche und Relativierungen werden angestellt, mit anderen Krankheiten etwa, an denen auch gestorben wurde und wird. Diese können missbraucht werden und in die Irre führen – das wissen wir nur zu gut. Sie, ich sprechen von den Vergleichen, sind m. E. aber notwendig – in einem aufklärenden Sinne. Wir brauchen das auf eine gewisse Art und Weise, um Sachverhalte besser einordnen zu können, um uns überhaupt kritisch damit auseinandersetzen zu können. Es kommt, wie bei Vielem, eben darauf an, in welchem Sinne, mit welchen Intentionen Dinge gemacht werden. Wir müssen das intellektuell aushalten. Wir müssen in dieser Zeit noch viel mehr moralisch Ambigues aushalten. Ambivalenzsensibles Denken wäre eigentlich gefragt. Eine kritische wissenschaftliche Auseinandersetzung, die auf öffentlicher Bühne geführt und verständlich vermittelt wird, tut not.

Ich beneide die, die jetzt alles ganz klar wissen.

Nein, ich beneide sie, ganz ehrlich gesagt, nicht wirklich.

Um es kurz und klar zu sagen: Meine Kritik, in die ich hier beim Schreiben irgendwie hineingeraten bin, zielt an dieser Stelle nicht gegen das, was momentan im Zusammenhang mit Corona getan wird. Das ist eine eigene Sache, die heute hier vielleicht nicht das Thema sein braucht, auch wenn es gerade aktuell ist. Aktuell ist aber eben auch das, wovon viel gesprochen wird, nämlich von der sogenannten Chance. Über die würden wir heute gerne mit Ihnen sprechen.

Die aufmerksamen, noch nicht eingeschlafenen Zuhörer werden bemerkt haben: Redet er doch immer noch von sich! Genauer: Er ist zu einem „Wir“ übergegangen. Das ist nicht ganz unproblematisch. Ich reagiere als Leser selbst oft etwas allergisch auf Texte, in denen vom „Wir“ gesprochen wird und ich mich überhaupt nicht angesprochen fühle, weil ich Gegenteiliges denke und tue. Denn wer soll dieses „Wir“ sein? Viel zu undifferenziert, kann ich da als Semi-Soziologie nur sagen. Verzeihen Sie mir also, wenn Sie sich nicht angesprochen fühlen. Doch zurück zum Text.

In welcher Situation befinden wir uns da gerade? Ich möchte das nicht analytisch ausführen. Ein paar Dinge ließen sich sagen, aber vieles wissen wir nicht – vor allem das, was da insgesamt noch kommen mag. Es gehört untrennbar zum Menschsein dazu, dass wir grundsätzlich ab und an, mal mehr, mal weniger, immer wieder in solche Situationen geraten, in denen offenbar wird, dass wir im Grunde recht wenig wissen und Sachverhalte sich als ambivalent darstellen. Meist wird uns das erst gewahr, wenn jene neue Situation eingetreten ist – so wie jetzt. Wir können nicht in die Zukunft schauen.

Einige glauben das zu können: Vorgestern habe ich, manche von Ihnen vielleicht auch – ein Video auf Youtube gesehen, in dem der aufgrund eines kurzen Textes im Internet gerade rasant bekannt gewordene Zukunftsforscher Matthias Horx über die Zeit nach Corona plaudert. Ich war da weniger von den inhaltlichen Ausführungen allein erstaunt als vielmehr von der völligen Selbstgewissheit dieses Mannes. Er ist nämlich, im Gegensatz zu meinem Zweifel, felsenfest davon überzeugt, dass es schon ganz klar ausgemacht sei, dass diese Situation, ich spreche von Corona, zum radikalen Umdenken führen wird. Ich habe da aus verschiedenen Gründen, wie gesagt, starke Zweifel. Könnte nicht gerade auch das Gegenteil der Fall sein?

Ich habe gerade gesagt: Es ist eine Situation eingetreten, die ich dann zumindest angedeutet habe: Nennen wir sie: die Corona-Situation. Als Menschen stehen wir immer in Situation – und nun möchte ich, damit ich hier überhaupt einmal etwas Kluges sagen kann, kurz an den Arzt, Psychopathologen und großen Existenzphilosophen Karl Jaspers erinnern. Dieser unterscheidet die einzelnen, aufeinanderfolgenden Situationen in der Welt, in denen wir stehen, von den sogenannten Grenzsituationen. Ich zitiere Jaspers:

„Vergewissern wir uns unserer menschlichen Lage. Wir sind immer in Situationen. Die Situationen wandeln sich, Gelegenheiten treten auf. Wenn sie versäumt werden, kehren sie nicht wieder. Ich kann selber an der Veränderung der Situation arbeiten. Aber es gibt Situationen, die in ihrem Wesen bleiben, auch wenn ihre augenblickliche Erscheinung anders wird und ihre überwältigende Macht sich in Schleier hüllt: ich muß sterben, ich muß leiden, ich muß kämpfen, ich bin dem Zufall unterworfen, ich verstricke mich unausweichlich in Schuld. Diese Grundsituationen unseres Daseins nennen wir Grenzsituationen. Das heißt, es sind Situationen, über die wir nicht hinaus können, die wir nicht ändern können. Das Bewußtwerden dieser Grenzsituationen ist nach dem Staunen und dem Zweifel der tiefere Ursprung der Philosophie.“ (Jaspers, Einführung in die Philosophie. Zwölf Radiovorträge, Zürich 1950, 20f.)

Diesen Grenzsituationen können wir also nicht wirklich ausweichen, vorübergehend vielleicht, aber nicht wirklich entgehen. Wir können sie nur verschleiern, sie verdrängen. Ich habe vorhin von unseren täglichen Routinen gesprochen, die uns hier als Schutzwall „dienen“ – oder eben als Mittel des Ausweichens.

An dieser Stelle kurz zur Einordnung: Obwohl wir die Corona-Situation in der Sprache das Alltags durchaus als eine Grenzsituation betrachten können, ist sie im Jaspers’schen Sinne keine, sondern eine Situation in der Welt, in der die Chance zur Auseinandersetzung mit unseren Grundsituationen in besonderer Weise offenbar und möglich wird – anders als im sogenannten Alltag. Gerade jetzt könnte sie ergriffen werden. Wollen wir aber nur so schnell wie möglich wieder zurück ins Dasein vor Corona, versuchen wir den Weg des Ausweichens. Dann versäumen wir die gute Chance, wir lassen sie verstreichen.

Die andere Weise des Umgangs mit Grenzsituationen, der andere Weg, besteht hingegen in der Auseinandersetzung mit uns selbst – Jaspers (Philosophie II, 204, 207) nennt das „das Werden der in uns möglichen Existenz“. Durch die Auseinandersetzung mit Grenzsituationen kann ich mein Dasein meiner Existenz annähern – und zwar in drei Sprüngen, die ich hier zumindest kurz andeuten möchte:

Im ersten Sprung trete ich neben mich, betrachte mich aus der Distanz, ich trete, wie Jaspers (ebd., 204) das ausdrückt, „meinem eigenen Dasein wie einem fremden gegenüber“. Ich unterscheide die aktuelle Situation in der Welt, in der ich mich befinde, mit all ihren partikularen Zwecken, von der Grenzsituation. Das Wissen eröffnet mir überhaupt erst die Grenzsituation, die sich mir im zweiten Sprung als Möglichkeiten auftun, Möglichkeiten meiner Existenz. Jaspers spricht hier von der „Existenzerhellung als philosophierendes Denken“. Diese erhellende Betrachtung bringt mich zunächst in eine etwas paradoxe situationslose Situation – es handelt sich eben „nur“ um Möglichkeit. Nun erst erkenne ich die angesprochene Unausweichlichkeit wirklich und kann die Möglichkeiten wieder in Bezug auf mein Dasein setzen. Doch erst der dritte Sprung führt in die existentielle Verwirklichung, denn ich bin noch nicht, was ich philosophierend weiß. Dazu braucht es den umsetzenden Vollzug. Das zu den drei Sprüngen: „Der erste führt zum Philosophieren in Weltbildern, der zweite zum Philosophieren als Existenzerhellung, der dritte zum philosophischen Leben als Existenz.“ (ebd., 207)

Ich hoffe, Sie können mir noch folgen. Jaspers ist begrifflich nicht einfach, auch voraussetzungsreich im Hinblick auf ein Verständnis und sollte m.E. eher gelesen und im Dialog besprochen werden.

Was sind nun Beispiele von Grenzsituationen? Dazu gehören etwa Tod, Leiden, Kampf oder unsere Verstrickungen in Schuld. Auf letztere wollte ich am Schluss eigentlich noch eingehen, weil sie, so hoffte ich, das verdeutlicht, was ich hier insgesamt zum Ausdruck bringen wollte – auch in Bezug auf unsere aktuelle Situation: Corona, Chance. Ich hätte dabei gesagt, dass es hier um Handeln und Nicht-Handeln geht, dass wir uns durch die Auswahl einer Möglichkeit unausweichlich schuldig an den anderen, vielleicht besseren Möglichkeiten machen – immer auch in Bezug auf andere Menschen. Das werde ich nicht mehr tun. Aber ich verweise zumindest noch, eben mit Bezug auf die aktuelle Situation als Chance, auf die Gefahr des Selbstbetrugs – nämlich jenen, der darin besteht, wenn wir unsere Entschlüsse als vorläufige und reversible betrachten. So lassen wir auch diese Chance verstreichen.

Das reicht vielleicht an dieser Stelle, denn ich bin ja mit meinen Gedanken gar nicht dem Bedürfnis nachgekommen, für dessen Befriedigung ich hier eigentlich angefragt worden war. Das Bedürfnis nach Antwort auf die Frage: Was ist uns jetzt noch möglich? Aber als Philosophischer Praktiker bin ich auch nicht für das Bedienen von Bedürfnissen zuständig, viel eher für deren Entwicklung, Differenzierung und Amplifizierung. Die ursprüngliche Frage war: Welche Chancen bietet die Corona-Krise? Nun, sie bietet die Chance zum Innehalten – das ist sicher keine große Weisheit.

Alle, die zwar davon reden, aber sich jetzt schon wieder wie Getriebene mit aller Energie ihren zukünftigen Aufgaben, Aufträgen und Geschäften widmen– nicht, dass dies in einem gewissen Maße nicht vernünftig wäre –, all die, die nach Corona wieder nahtlos an das Vor-Corona anknüpfen wollen, an ihr faktisches Dasein also, die könnten sich vielleicht fragen, ob sie genau in einer solchen Welt leben möchten – eine Welt also, in der man selbst in für Chancen guten Zeiten eben jene verstreichen lässt, weil man gar kein Gespür dafür entwickelt hat, weil man, vielleicht aus Angst, eben fieberhaft an seinen Verstrickungen festhalten möchte. Wer jetzt bloß Regierungen – dies wohl teils zu Recht – genau deswegen kritisiert, echte Chancen nicht zu nutzen, z.B. für ein wirklich solidarisches weltweites Zusammenwirken, der sollte auch auf sich selbst schauen. Es gäbe ja jetzt die Gelegenheit, die Chance, sich mit seinen Gefühlen und seinen Verstrickungen, seiner Lebenssituation und seiner Lebensweise, doch eben nicht nur mit seinem faktischen Dasein, sondern auch mit seiner möglichen Existenz auseinanderzusetzen. Tut man das, bleibt dies kein Kreisen um das eigene Ego, denn soziale und gesellschaftliche Notwendigkeiten kommen zwangsweise in den Blick, weil sie maßgeblich unsere Lebensbedingungen generieren und limitieren. Es wird uns gelingen, über derartiges Reflektieren über das individuelle Ich hinauszuwachsen und uns zu einer universellen und transzendenten Sicht aufzuschwingen. Mit dieser These bin ich am Ende meiner Ausführungen.

Die Frage Was ist uns jetzt noch möglich? im Zusammenhang mit Corona zu stellen, das könnte im Grunde auch bedeuten, sich wieder aufs bloße Dasein zu konzentrieren. Ich würde mir hingegen wünschen, dass wir hier, an dieser Stelle und ganz allgemein, tiefer denken und ins Philosophieren kommen.

Ich bedanke mich für Ihre Aufmerksamkeit.

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